
Text: Martina Voigt-Schmid
Wut, Freude, Angst, Traurigkeit oder Enttäuschung: Kinder erleben jeden Tag eine ganze Welt voller Gefühle. Doch Gefühle zu verstehen, zu benennen und mit ihnen umzugehen, müssen Kinder erst lernen. Genau hier kommt die emotionale Intelligenz ins Spiel. Sie hilft Kindern dabei, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu verstehen, die Emotionen anderer Menschen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Doch was genau bedeutet emotionale Intelligenz? Kann man sie lernen? Und wie können Eltern die emotionale Intelligenz bei Kindern fördern?
Emotionale Intelligenz – was ist das?
Der Begriff „emotionale Intelligenz“ wurde vor allem durch den amerikanischen Psychologen und Wissenschaftsjournalisten Daniel Goleman bekannt. Sein gleichnamiges Buch Emotionale Intelligenz machte das Thema einem breiten Publikum zugänglich. Wissenschaftlich geht der Begriff auf die Psychologen Peter Salovey und John D. Mayer zurück.
Eine hohe emotionale Intelligenz besitzt, wer bewusst mit seinen eigenen Emotionen, Stimmungen und Gefühlen umgehen kann. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen und angemessen darauf einzugehen.
Emotionale Intelligenz spielt nicht nur im Berufsleben eine Rolle. Menschen mit hoher emotionaler Kompetenz können häufig gut auf andere eingehen, aktiv zuhören und Konflikte konstruktiv lösen. Auch Empathie, soziale Fähigkeiten und die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, gehören dazu.
Emotionale Intelligenz im Privatleben
Im Privatleben kommen emotional kompetente Menschen häufig besser mit ihrem Partner, ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld zurecht. Sie können die Perspektive anderer Menschen einnehmen, akzeptieren ihre Mitmenschen eher so, wie sie sind, und können Konflikte konstruktiv angehen. Dadurch fällt es ihnen leichter, stabile soziale Beziehungen aufzubauen und tiefgehende Freundschaften zu pflegen.
Emotionale Intelligenz bedeutet allerdings nicht nur, gut mit anderen Menschen umzugehen. Auch Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge gehören dazu. Wer seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen kennt, kann besser für sich selbst sorgen und mit schwierigen Situationen umgehen.

Emotionale Intelligenz kann man lernen
Kann ein Kind lernen, seine Gefühle besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen?
Ja – emotionale Kompetenz entwickelt sich Schritt für Schritt und wird durch Erfahrungen, Beziehungen und Vorbilder geprägt. Für Professor Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Ulm und einer der Autoren des Ratgebers Kluge Gefühle, besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Eltern darin, ihren Kindern das richtige Vorbild und Umfeld zu bieten, damit diese „kluge Gefühle“ entwickeln können.
Spitzer beschreibt, dass ein Kleinkind zunächst stark von unmittelbaren Impulsen geleitet wird. Das bewusste Bewerten, Abwägen und die Einsicht in Notwendigkeiten müssen sich erst entwickeln. Dafür braucht ein Kind Ermunterung und vor allem die richtigen Vorbilder.
Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen von ihren Vorbildern Wie Kinder mit Wut, Ärger und Konflikten umgehen, wird auch durch ihr Umfeld geprägt.
Spitzer formuliert es sinngemäß so: Wer erlebt, dass Gewalt ein Mittel zur Konfliktlösung ist, kann dieses Verhalten übernehmen. Wer dagegen lernt, Gefühle zu kontrollieren und Konflikte mit Argumenten zu lösen, entwickelt andere Strategien. Emotionale Intelligenz ist damit auch das Ergebnis von Lernprozessen.
Mit der spielerischen Vermittlung von „Herzensbildung“ können Eltern, Erzieher und Lehrer deshalb möglichst früh beginnen. Ein gesundes Körperbewusstsein, ein gutes Selbstwertgefühl sowie das Wissen über die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer sind wichtige Bestandteile emotionaler Kompetenz.

Emotionale Intelligenz bei Kindern fördern
Eltern müssen ihren Kindern emotionale Intelligenz nicht wie ein Schulfach beibringen. Sie können die emotionale Entwicklung vor allem durch ihren täglichen Umgang mit dem Kind unterstützen.
Kinder lernen dabei unter anderem,
- eigene Gefühle wahrzunehmen,
- Gefühle zu benennen,
- die Ursachen von Gefühlen zu erkennen,
- mit starken Emotionen umzugehen,
- die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen,
- Empathie zu entwickeln,
- Konflikte konstruktiv zu lösen und
- Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.
Dabei ist wichtig: Ein Kind muss seine Gefühle nicht unterdrücken. Es soll lernen, sie zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Gefühle verstehen lernen
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu emotionaler Kompetenz besteht darin, Gefühle überhaupt erkennen und benennen zu können. Ein kleines Kind weiß zunächst vielleicht nur: „Ich bin sauer!“
Mit zunehmender Entwicklung kann es lernen: „Ich bin wütend, weil mein Bruder mein Spielzeug genommen hat.“ Damit erkennt das Kind nicht nur das Gefühl, sondern auch dessen Auslöser. Eltern können diesen Prozess unterstützen, indem sie Gefühle im Alltag in Worte fassen:
„Du bist gerade richtig traurig.“
„Ich glaube, du bist enttäuscht.“
„Du ärgerst dich, weil dein Spielzeug kaputtgegangen ist.“
„Du freust dich sehr, dass es heute geklappt hat.“
Auf diese Weise entwickeln Kinder einen immer größeren Gefühlswortschatz. Sie lernen, unterschiedliche Emotionen zu unterscheiden und besser zu verstehen, was in ihnen vorgeht.
Alle Gefühle sind erlaubt – aber nicht jedes Verhalten
Gerade bei starken Gefühlen ist eine wichtige Unterscheidung hilfreich: Ein Gefühl darf da sein. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Verhalten erlaubt ist. Ein Kind darf wütend sein. Es darf traurig oder enttäuscht sein. Es darf Angst haben. Es darf aber beispielsweise nicht deshalb andere Menschen schlagen oder verletzen.
Eltern können deshalb gleichzeitig Verständnis und Grenzen vermitteln: „Ich sehe, dass du sehr wütend bist. Du darfst wütend sein. Aber ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“ So lernen Kinder, dass ihre Gefühle ernst genommen werden und dass sie trotzdem Verantwortung für ihr Verhalten tragen.
Ein gutes Vorbild für emotionale Intelligenz sein
Kinder lernen emotionale Kompetenz nicht nur durch Gespräche. Sie beobachten sehr genau, wie Erwachsene selbst mit ihren Gefühlen umgehen.
Wie reagieren Eltern, wenn etwas nicht funktioniert?
Wie gehen sie mit Stress um?
3 Wie streiten sie miteinander?
Können sie sich entschuldigen?
Können sie sagen, dass sie traurig, wütend oder enttäuscht sind?
Ein Satz wie „Ich bin gerade sehr wütend und brauche einen Moment, bevor wir darüber sprechen“ kann für ein Kind ein wertvolles Vorbild sein.
Ebenso wichtig ist es, eigene Fehler zuzugeben: „Ich war gerade sehr laut. Das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid.“ Kinder erfahren dadurch, dass auch Erwachsene Gefühle haben, Fehler machen und Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen können.

Empathie bei Kindern fördern
Zur emotionalen Intelligenz gehört nicht nur das Verständnis für die eigenen Gefühle. Kinder können auch lernen, die Emotionen anderer Menschen wahrzunehmen. Empathie bedeutet, sich in die Situation eines anderen Menschen hineinzuversetzen und seine Gefühle und Bedürfnisse besser zu verstehen.
Das lässt sich wunderbar im Alltag üben. Wenn ein anderes Kind weint, kann man beispielsweise fragen:
„Was glaubst du, warum ist es traurig?“
Oder beim gemeinsamen Lesen eines Bilderbuchs:
„Wie fühlt sich die Figur gerade?“
„Warum könnte sie sich so fühlen?“
„Was könnte ihr jetzt helfen?“
Dabei muss es nicht immer eine eindeutige Antwort geben. Kinder dürfen unterschiedliche Vermutungen anstellen. So lernen sie, dass Menschen dieselbe Situation unterschiedlich erleben können.

Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit
Auch die bekannte Geschichte von den drei Sieben des Sokrates lässt sich wunderbar mit emotionaler Intelligenz und einem guten sozialen Miteinander verbinden. Die Geschichte erzählt von einem Mann, der Sokrates etwas über einen Freund erzählen möchte. Bevor er zu sprechen beginnt, bittet Sokrates ihn, seine Geschichte durch drei Siebe zu prüfen.
Das erste Sieb: Ist es wahr?
Zunächst fragt Sokrates, ob das, was der Mann erzählen möchte, tatsächlich wahr ist. Der Mann muss zugeben, dass er es lediglich von jemand anderem gehört hat. Für Kinder lässt sich daraus eine wichtige Frage ableiten: „Weiß ich wirklich, dass das stimmt – oder habe ich es nur gehört?“ Gerade im Umgang mit anderen Kindern ist diese Frage wichtig. Gerüchte und Behauptungen können schnell zu Streit und Verletzungen führen.
Das zweite Sieb: Ist es gut?
Als Nächstes geht es darum, ob das, was erzählt werden soll, etwas Gutes ist. Wenn wir über andere Menschen sprechen, können wir uns fragen: „Ist das, was ich sagen möchte, freundlich und fair?“ Diese Frage fördert Rücksichtnahme und hilft Kindern, die Wirkung ihrer Worte auf andere Menschen zu bedenken.
Das dritte Sieb: Ist es notwendig?
Das dritte Sieb stellt die Frage: „Ist es überhaupt notwendig, dass ich das erzähle?“ Nicht alles, was wahr ist, muss auch ausgesprochen werden. Und nicht alles, was wir gehört haben, muss weitergegeben werden. Für Kinder kann daraus eine einfache Regel entstehen: Bevor ich etwas über einen anderen Menschen erzähle, kann ich überlegen: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?
Die Geschichte von den drei Sieben des Sokrates wird häufig als anschauliche Lebensweisheit weitergegeben. Die von uns herangezogene Quelle weist allerdings darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um eine didaktische Legende handelt und nicht um einen historisch belegten Dialog des Sokrates. Zugleich wird eine Verbindung zur sokratischen Maieutik und zu Gedanken aus der Apologie des Sokrates hergestellt.
Quelle: Werner Stangl, Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit, arbeitsblätter news.
Emotionale Intelligenz spielerisch fördern
Kinder lernen besonders gut, wenn Lernen Spaß macht. Deshalb muss die Förderung emotionaler Intelligenz nicht wie Unterricht aussehen.
Gefühle erraten
Ein Kind stellt ein Gefühl mit Gesicht und Körper dar. Die anderen müssen erraten, um welches Gefühl es sich handelt. So lernen Kinder, auf Mimik, Gestik und Körpersprache zu achten.
Gefühle malen
„Wie sieht deine Freude aus?“
„Welche Farbe hat deine Wut?“
„Male einen Moment, in dem du besonders stolz warst.“
Solche Fragen regen Kinder dazu an, ihre innere Gefühlswelt kreativ auszudrücken.
Geschichten gemeinsam besprechen
Beim Vorlesen können Eltern immer wieder innehalten und fragen:
„Wie fühlt sich die Figur gerade?“
„Warum ist sie traurig?“
„Was würdest du jetzt machen?“
„Was könnte ihr helfen?“
So lassen sich Sprache, Empathie und emotionales Verständnis miteinander verbinden.
Emotionale Intelligenz beginnt im Alltag
Eltern müssen keine komplizierten Trainingsprogramme durchführen, um die emotionale Entwicklung ihres Kindes zu fördern. Die besten Lerngelegenheiten entstehen häufig ganz nebenbei: beim Streit um ein Spielzeug, beim Abschied im Kindergarten, nach einem verlorenen Fußballspiel, wenn die beste Freundin plötzlich mit jemand anderem spielt oder wenn ein Kind voller Stolz sein selbst gemaltes Bild zeigt. All diese Situationen bieten die Möglichkeit, über Gefühle zu sprechen.
Was fühlst du gerade?
Warum fühlst du dich so?
Was hat dieses Gefühl ausgelöst?
Was brauchst du jetzt?
Wie könnte es dem anderen gerade gehen?
Solche Fragen helfen Kindern dabei, ihre eigene Gefühlswelt besser zu verstehen und gleichzeitig die Perspektive anderer Menschen einzunehmen.
Das Wichtigste zur emotionalen Intelligenz bei Kindern
Emotionale Intelligenz entwickelt sich Schritt für Schritt. Eltern können diesen Prozess unterstützen, indem sie:
- Gefühle ernst nehmen,
- Emotionen benennen,
- offen über Gefühle sprechen,
- selbst ein gutes Vorbild sind,
- Kindern beim Umgang mit starken Gefühlen helfen,
- Empathie und Perspektivwechsel fördern,
- klare Grenzen für verletzendes Verhalten setzen,
- Geschichten und Spiele nutzen und
- im Alltag immer wieder über Gefühle sprechen.
Dabei geht es nicht darum, Kinder dazu zu bringen, immer ruhig und ausgeglichen zu sein. Kinder dürfen ihre Gefühle haben. Sie sollen lernen, sie zu verstehen und mit ihnen umzugehen.
Häufige Fragen zur emotionalen Intelligenz bei Kindern
Was ist emotionale Intelligenz bei Kindern?
Emotionale Intelligenz bei Kindern bedeutet, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und auszudrücken sowie die Gefühle anderer Menschen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Kann man emotionale Intelligenz bei Kindern fördern?
Ja. Eltern können die emotionale Entwicklung fördern, indem sie über Gefühle sprechen, Emotionen benennen, Empathie unterstützen, selbst als Vorbild dienen und Kindern helfen, mit starken Gefühlen und Konflikten umzugehen.
Ab welchem Alter können Kinder Gefühle verstehen?
Die emotionale Entwicklung beginnt bereits in den ersten Lebensjahren und setzt sich während der gesamten Kindheit fort. Mit zunehmender Sprachentwicklung können Kinder Gefühle immer genauer benennen und einordnen.
Wie lernen Kinder, mit Wut umzugehen?
Kinder lernen den Umgang mit Wut vor allem durch Begleitung und Vorbilder. Eltern können die Wut zunächst anerkennen, gleichzeitig aber klare Grenzen für verletzendes Verhalten setzen. Wenn das Kind wieder ruhiger ist, kann gemeinsam darüber gesprochen werden, was die Wut ausgelöst hat und welche Strategien beim nächsten Mal helfen können.
Wie können Eltern Empathie bei Kindern fördern?
Eltern können Kinder dazu anregen, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen. Fragen wie „Wie fühlt sich das andere Kind gerade?“ oder „Was könnte ihm helfen?“ unterstützen Kinder dabei, Gefühle anderer wahrzunehmen und darüber nachzudenken.
Was haben die drei Siebe des Sokrates mit emotionaler Intelligenz zu tun?
Die drei Siebe – Wahrheit, Güte und Notwendigkeit – bieten eine einfache Möglichkeit, über den Umgang mit Worten und Informationen nachzudenken. Kinder können dadurch lernen, vor dem Weitererzählen zu überlegen, ob etwas wahr, gut und notwendig ist. Die Geschichte selbst ist allerdings nicht als historisch belegter Dialog des Sokrates gesichert.
Fazit: Gefühle verstehen ist eine wichtige Lebenskompetenz
Emotionale Intelligenz ist eine Fähigkeit, die Kinder ein Leben lang begleitet. Wer lernt, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, kann auch leichter verstehen, was andere Menschen bewegt. Dafür brauchen Kinder keine perfekten Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, ihre Gefühle ernst nehmen, Grenzen setzen und ihnen zeigen:
Du darfst fühlen, was du fühlst. Und gemeinsam können wir herausfinden, wie du damit umgehen kannst. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Grundlagen, die wir unseren Kindern für ihr Leben mitgeben können.
Quellen und weiterführende Literatur
Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz. Warum sie wichtiger ist als der IQ. – Das Werk machte das Konzept der emotionalen Intelligenz einem breiten Publikum bekannt.
Spitzer, Manfred u. a.: Kluge Gefühle. – Ratgeber zur Bedeutung von Emotionen und ihrer Entwicklung.
Stangl, Werner: Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit. arbeitsblätter news.